Heilpflanzen · Johanniskraut

Johanniskraut bei leichten Verstimmungen: Was man wissen sollte

Johanniskraut bei leichten Verstimmungen: Was man wissen sollte

Johanniskraut gehört zu den bekanntesten pflanzlichen Mitteln bei leicht gedrückter Stimmung und ist in einigen Ländern sogar als zugelassenes pflanzliches Arzneimittel verfügbar. Gleichzeitig zählt es zu den Pflanzen mit den am besten dokumentierten Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Dieser Beitrag ordnet ein, was Johanniskraut ist, was die Studienlage zeigt, wie es sich von der Behandlung einer klinischen Depression unterscheidet, und worauf Sie bei der Anwendung unbedingt achten sollten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Standardisierte Johanniskraut-Extrakte sind in Deutschland teils als Arzneimittel bei leichten bis mittelschweren Verstimmungen zugelassen.
  • Die Wirkung setzt meist erst nach mehreren Wochen ein.
  • Johanniskraut kann die Wirksamkeit hormoneller Verhütungsmittel abschwächen, das größte praktische Risiko.
  • Bei anhaltender oder starker gedrückter Stimmung ist professionelle Unterstützung wichtig, unabhängig von Johanniskraut.

Was Johanniskraut ist

Johanniskraut (Hypericum perforatum) ist eine in Europa heimische, gelb blühende Pflanze, die traditionell in der Volksmedizin verwendet wird. Die wichtigsten Wirkstoffe sind Hypericin und Hyperforin, denen in Laborstudien unter anderem ein Einfluss auf die Wiederaufnahme bestimmter Botenstoffe im Gehirn zugeschrieben wird, ein Mechanismus, der Ähnlichkeiten mit manchen klassischen Antidepressiva aufweist, auch wenn die genaue Wirkweise komplexer und noch nicht vollständig verstanden ist.

Wofür Johanniskraut traditionell und medizinisch eingesetzt wird

Johanniskraut wird traditionell bei leicht gedrückter Stimmung, innerer Unruhe und nervlicher Erschöpfung eingesetzt. In Deutschland sind standardisierte Johanniskraut-Extrakte in bestimmten Dosierungen als zugelassene Arzneimittel zur Behandlung leichter bis mittelschwerer depressiver Episoden verfügbar, was Johanniskraut von vielen anderen pflanzlichen Mitteln unterscheidet.

Diese Zulassung bezieht sich ausdrücklich auf standardisierte, in Studien untersuchte Präparate, nicht auf beliebige, frei verkäufliche Johanniskraut-Produkte.

Was die Studienlage zeigt

Standardisierte Extrakte durchlaufen ein anderes Prüfverfahren als beliebige, frei verkäufliche Johanniskraut-Produkte.
Standardisierte Extrakte durchlaufen ein anderes Prüfverfahren als beliebige, frei verkäufliche Johanniskraut-Produkte.

Mehrere klinische Studien und systematische Übersichtsarbeiten deuten darauf hin, dass standardisierte Johanniskraut-Extrakte bei leichten bis mittelschweren depressiven Verstimmungen einen Effekt zeigen können, der in manchen Untersuchungen mit klassischen Antidepressiva vergleichbar war, bei tendenziell besserer Verträglichkeit.

Bei schweren depressiven Episoden ist die Evidenzlage deutlich weniger eindeutig, und Johanniskraut wird für diese Schweregrade nicht als ausreichende alleinige Behandlung angesehen. Wichtig ist zudem, dass sich verschiedene Johanniskraut-Präparate im Handel in Wirkstoffgehalt und Standardisierung teils erheblich unterscheiden.

Leichte Verstimmung versus klinische Depression: Ein wichtiger Unterschied

Gelegentliche gedrückte Stimmung, die mit dem Alltag zusammenhängt und von selbst wieder abklingt, unterscheidet sich grundlegend von einer klinisch diagnostizierten Depression, bei der Stimmung, Antrieb und Interesse über Wochen deutlich und durchgehend beeinträchtigt sind.

Die in diesem Beitrag beschriebenen Informationen zu Johanniskraut beziehen sich auf leichte, vorübergehende Verstimmungen. Bei Verdacht auf eine klinische Depression ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung wichtig, unabhängig davon, ob zusätzlich pflanzliche Mittel erwogen werden.

Wie Johanniskraut eingenommen wird

Johanniskraut wird meist als Kapsel, Dragee oder Extrakt eingenommen, in standardisierten Arzneimitteln entsprechend der Packungsbeilage dosiert. Die Wirkung setzt, ähnlich wie bei klassischen Antidepressiva, nicht sofort ein, spürbare Effekte werden häufig erst nach mehreren Wochen regelmäßiger Einnahme beschrieben.

Ein abruptes Absetzen nach längerer Einnahme sollte, wie bei vielen stimmungsbeeinflussenden Mitteln, nach Möglichkeit ausschleichend und in Abstimmung mit einer Ärztin oder einem Arzt erfolgen.

AspektInformation
HauptwirkstoffeHypericin, Hyperforin
ZulassungsstatusStandardisierte Präparate teils als Arzneimittel zugelassen
WirkeintrittMeist erst nach mehreren Wochen
Am besten untersucht beiLeichten bis mittelschweren depressiven Verstimmungen
Wichtigste RisikenWechselwirkungen mit zahlreichen Medikamenten, Lichtempfindlichkeit

Häufige Missverständnisse

Ein verbreitetes Missverständnis lautet, Johanniskraut sei ein harmloses Nahrungsergänzungsmittel ohne relevante Risiken, dabei gehört es zu den pflanzlichen Mitteln mit den am besten dokumentierten, teils schwerwiegenden Wechselwirkungen. Ähnlich verbreitet ist die Annahme, es könne pflanzlich bedenkenlos mit anderen Medikamenten kombiniert werden, dabei kann Johanniskraut die Wirkung zahlreicher Medikamente abschwächen oder verstärken.

Viele denken zudem, Johanniskraut wirke sofort, dabei zeigt es seine Wirkung wie viele Antidepressiva meist erst nach mehreren Wochen. Und schließlich wird oft angenommen, alle Präparate seien gleich wirksam, obwohl sich Wirkstoffgehalt und Standardisierung zwischen Produkten teils erheblich unterscheiden.

Worauf Sie beim Kauf achten sollten

Präparate mit klarer Angabe zum Hypericin- oder Hyperforin-Gehalt sind besser einzuordnen als unspezifische Produkte. Wichtig ist zudem, zwischen zugelassenem Arzneimittel und frei verkäuflichem Nahrungsergänzungsmittel zu unterscheiden, da beide unterschiedliche Prüfverfahren durchlaufen.

Die auf der Verpackung angegebene Dosierung sollte nicht eigenständig überschritten werden. Besonders bei preiswerten Importprodukten lohnt sich zudem ein Blick auf Qualitätsnachweise zu Herkunft und Reinheit.

Wann professionelle Unterstützung wichtiger ist

Wenn eine gedrückte Stimmung über mehrere Wochen anhält, den Alltag deutlich einschränkt, mit starkem Interessenverlust, Schlafproblemen oder Appetitveränderungen einhergeht, oder Gedanken an Selbstverletzung auftreten, ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung notwendig, unabhängig von einer möglichen Anwendung von Johanniskraut.

Pflanzliche Mittel können bei leichten, vorübergehenden Verstimmungen eine Option sein, ersetzen aber keine Diagnose oder Behandlung bei einer klinischen Depression.

Häufige Fehler im Umgang mit Johanniskraut

Ein häufiger Fehler ist, Johanniskraut ohne Rücksprache neben hormonellen Verhütungsmitteln, Blutverdünnern oder anderen Medikamenten einzunehmen. Ähnlich riskant ist es, Johanniskraut mit klassischen Antidepressiva zu kombinieren, ohne das Risiko eines Serotonin-Syndroms zu kennen.

Manche setzen zudem bei anhaltender oder starker gedrückter Stimmung zu lange ausschließlich auf Johanniskraut, statt professionelle Hilfe zu suchen. Und nicht selten wird während der Einnahme keine Rücksicht auf intensive Sonnenbestrahlung und die erhöhte Lichtempfindlichkeit genommen.

Fazit: Wirksam bei leichten Verstimmungen, aber wechselwirkungsreich

Johanniskraut gehört zu den am besten untersuchten pflanzlichen Mitteln bei leichten bis mittelschweren depressiven Verstimmungen und ist in standardisierter Form sogar als Arzneimittel zugelassen. Gleichzeitig zählt es zu den pflanzlichen Mitteln mit den bedeutendsten, gut dokumentierten Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, insbesondere hormonellen Verhütungsmitteln.

Wer Johanniskraut anwenden möchte, sollte auf ein standardisiertes Präparat achten, mögliche Wechselwirkungen kennen, und bei anhaltender oder starker gedrückter Stimmung professionelle Unterstützung suchen.

Häufige Fragen zu Johanniskraut

Wirkt Johanniskraut bei jeder Form von Depression?+

Nein, die beste Evidenzlage besteht für leichte bis mittelschwere depressive Verstimmungen, bei schweren Depressionen wird Johanniskraut nicht als ausreichende alleinige Behandlung angesehen.

Kann Johanniskraut die Pille unwirksam machen?+

Ja, Johanniskraut kann die Wirksamkeit hormoneller Verhütungsmittel abschwächen, weshalb bei gleichzeitiger Einnahme zusätzliche Verhütungsmaßnahmen oder ärztliche Rücksprache wichtig sind.

Wie schnell wirkt Johanniskraut?+

Ähnlich wie klassische Antidepressiva zeigt Johanniskraut seine Wirkung meist erst nach mehreren Wochen regelmäßiger Einnahme.

Darf ich Johanniskraut mit anderen Antidepressiva kombinieren?+

Nein, ohne ärztliche Abklärung nicht, es besteht ein Risiko für ein Serotonin-Syndrom, eine potenziell ernste Wechselwirkung.

Macht Johanniskraut die Haut empfindlicher gegenüber Sonne?+

Ja, Johanniskraut kann die Lichtempfindlichkeit der Haut erhöhen, weshalb bei intensiver Sonnenexposition während der Einnahme Vorsicht geboten ist.

Ab wann sollte ich statt Johanniskraut professionelle Hilfe suchen?+

Wenn die gedrückte Stimmung über Wochen anhält, den Alltag einschränkt oder Gedanken an Selbstverletzung auftreten, ist ärztliche oder psychotherapeutische Unterstützung notwendig.

Studien und weiterführende Quellen

Die folgenden Quellen unterstützen die allgemeinen Informationen in diesem Artikel.

St John's Wort for major depression: a systematic review

PMC / NCBI

St John's Wort drug interactions: a review

PMC / NCBI

Hypericum perforatum: pharmacology and clinical evidence

PMC / NCBI